Antifeminismus ist mehr als ‚anti‘

  • Antifeminismus ist also nicht einfach ‚nur‘ als Gegenbewegung zu emanzipatorischen Entwicklungen zu verstehen. Er braucht keine reale, feministische ‚Bedrohung‘, um eine solche als Feindbild zu konstruieren[1]
  • Daher lassen sich Antifeminismus und Queerfeindlichkeit nicht als verschiedene Ideologien, sondern als je spezifische Ausprägungen einer im Kern verschränkten gemeinsamen Weltanschauung begreifen

Wichtige Begriffe

Misogynie

  • „beschreibt eine grundsätzliche Abwertung von Frauen, ihm liegt ein essentialistisches Verständnis von Frauen als minderwertig zugrunde[2].
  • Männer gelten als überlegen und können in dieser Logik über das Verhalten und die Existenz von Frauen urteilen. Dies legitimiert auch vermeintlich die Bestrafung von Frauen mit Gewalt bis hin zu Femiziden (vgl. Höcker/Pickel/Decker 2020: 255)“[3]

(Hetero-)Sexismus

Diskriminierung, Abwertung und Benachteiligung von Personen aufgrund ihres (zugeschriebenen) Geschlechts und/oder ihrer sexuellen Orientierung.

Queerfeindlichkeit

  • Diskriminierung, Abwertung und Benachteiligung von Personen aufgrund ihres Geschlechts und/oder ihrer sexuellen Orientierung, die nicht in die zweige-schlechtliche und heteronormative Matrix passt[4]
  • Queerfeindlichkeit als eine Spielart von Antifeminismus

 

Quelle: fempi 2022

Antifeminismus in der historischen Einordnung

  • Begriff stammt von Hedwig Dohm: Die Antifeministen. Ein Buch der Verteidigung (1902)
  • Antifeminismus im Kaiserreich u. a. im Zuge des Kampfes um das Frauenwahlrecht
  • Antifeminismus in Verbindung mit eugenischen und völkischen Gruppen[5]
  • Kontinuitäten in Ideologie und Narrativen zwischen Kaiserreich und Heute[6]

Schlaglichter auf Antifeminismus nach 1945

  • BRD
    Rechte antifeministische Angriffe auf feministische Projekte in den 70er/80ern, die als solche nicht benannt wurden[7]
  • DDR
    Frauenemanzipation als Staatsziel, bei gleichzeitigem hierarchischem Geschlechterverhältnis. Forschungslücke in diesem Bereich
Viktoria Rösch & Alia Wielens, 18.11.2025
Viktoria Rösch & Alia Wielens, 18.11.2025

Vielfältige Formen auf Social Media

  • Verschiedene Themen und Akteur*innen
  • Verschmelzung verschiedener Themenfelder
  • Influencing als transnationales Phänomen

Tradwives: Antifeministischer Lifestyle[8]

  • Kommt von traditional wives, übersetzt: traditionelle Ehefrauen
  • Social-Media-Figuren, die einen vermeintlich traditionellen Lifestyle verkörpern, in denen eine strikte zweigeschlechtliche und heterosexuelle Ordnung propagiert wird; Frauen kümmern sich dabei um Arbeiten im Haus und Sorgetätigkeiten
  • Slogan: „Femininity not Feminism[9]
  • Rechte Gruppen nutzen die Figur der Tradwife als symbolische Verkörperung ihrer Politik
  • Tradwife als Gegenpol zu Queerness

Antifeministische Männlichkeit(en)

  • Verschränkung von Life-Coaching, Fitness-Culture und Antifeminismus (oft auch Misogynie)
  • Wird oft besprochen im Zusammenhang mit einer Re-Souveränisierung von Männlichkeit[10] als autoritäres Lösungsangebot für aktuelle Krisen
  • Gekränkter Anspruch von Männlichkeit: Verlust der Privilegien führt zu Gegenreaktion
  • Verknüpfung von verschiedenen politischen Lagern, oftmals Antifeminismus und Rechtsextremismus
  • Wird im Diskurs häufig als Manosphere/Mannosphäre bezeichnet

Schule, Kita  & Jugendarbeit

  • zunehmend Angriffe auf die Jugendarbeit insbesondere Angebote für queere Jugendliche[11]
  • gezielt dringen sie mit Broschüren, Bildungsmaterialien und konkrete Bildungsangebote auch in den Raum Schule ein
  • USA: Aktionen gegen Schulbücher, die queere oder feministische (aber auch antirassistische) Inhalte zeigen
  • Hochprofessionelle Zusammenschlüsse etwa „Moms for Liberty“
  • rechte Frauen gehen gezielt in Elterngremien um gegen geschlechtersensible Pädagogik Politik zu machen[12]
  • Folgen: „In manchen Schulen werden die Themen Gender und Diversität als ‚zu heikel‘ erklärt und im Unterricht ausgeklammert, um so weniger Angriffsfläche für rechte Eltern zu bieten.“[13]

Zusammenfassung

  • Ziel: Eine Restaurierung eines vermeintlich traditionellen Geschlechterverhältnisses (je nach Akteur*in wird diese Imagination zeitlich unterschiedlich verortet)
  • Heterosexismus und Aufrechterhaltung der Binarität „Öffentlich-Männlich“ und „Privat-Weiblich“
  • Antifeminismus als Ideologie „der es um die Gegnerschaft zu […] Prozessen der gesellschaftspolitischen Liberalisierung und Entnormierung von Geschlechterverhältnissen geht sowie um die Aufrechterhaltung heteronormativer Herrschaftsverhältnisse“[14].
    Basis ist die geschlechtliche Ordnung: Patriachat
  • Eigenständige Ideologie und nicht nur Reaktion auf Feminismus
  • Scharnierfunktion zwischen Bürgerlichen und extremen Rechten



Literaturverzeichnis

AK-Fe.In, Autor*innenkollektiv »Feministische Intervention« (2019). Frauen*rechte und Frauen*hass. Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt. Berlin Verbrecher Verlag.

Bauer, Mareike Fenja & Rösch, Viktoria (2023). Self-Care, Mental Health und Antifeminismus – visuelle Strategien antifeministischer Influencerinnen auf TikTok und Instagram. Wissen schafft Demokratie, (14), 60-77.

Blum, Rebekka (2019). Angst um die Vormachtstellung. Zum Begriff und zur Geschichte des deutschen Antifeminismus. Hamburg Marta Press.

Blum, Rebekka/ Katrin Degen, Jennifer Degner-Mantoan, Viktoria Rösch (2024). Antifeminismus. In: Gender Glossar/Gender Glossary (9 Absätze). Verfügbar unter: https://www.gender-glossar.de/

Blum, Rebekka (2025). Ohne Begriff keine Erinnerung? Fragen nach den Auswirkungen einer fehlenden Auseinandersetzung mit Antifeminismus. Femina politica. Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft, 34(1), 51-63.

Camino (2024). https://www.ufuq.de/aktuelles/antifeminismus-in-der-jugendarbeit-eine-studie-liefert-neue-erkenntnisse/

Degen, Katrin/ Wielens, Alia (2024): Queer/ideologie. Glossar. https://aktionsplan-queer.bayern/glossar-queerfeindliche-begriffe-erklaert/

femPi, Netzwerk feministische Perspektiven & Interventionen gegen die (extreme) Rechte & Rechtsextremismus, Forschungsnetzwerk Frauen und (2022). Antifeminismus – Plädoyer für eine analytische Schärfe. https://fempinetzwerk.wordpress.com/wp-content/uploads/2022/07/antifeminismus_pladoyer-fur-eine-analytische-scharfe.pdf

Lang, Juliane & Fritzsche, Christopher (2018). Backlash, neoreaktionäre Politiken oder Antifeminismus? Forschende Perspektiven auf aktuelle Debatten um Geschlecht. Feministische Studien, 36(2), 335-346,  https://doi.org/10.1515/fs-2018-0036 [Datum des Zugriffs 2025-07-22].

Leidig, Eviane (2023). The Women of the Far Right. Social Media Influencers and Online Radicalization. New York Columbia University Press.

Planert, Ute (1998). Antifeminismus im Kaiserreiche: Diskurs, soziale Formation und politische Mentalität Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht.

Sauer, Birgit & Penz, Otto (2023). Konjunktur der Männlichkeit. Affektive Strategien der autoritären Rechten. Frankfurt a.M. / New York campus.

Scheyer, Victoria (2025): Wie rechte antifeministische Angriffe den Alltag beeinflussen – von der Kommunalpolitik bis zum Kindergarten. Online: https://www.gwi-boell.de/de/2025/06/16/wie-rechte-antifeministische-angriffe-den-alltag-beeinflussen-von-der-kommunalpolitik-0